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Träumen / Min Kamp Bd.5
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Die vierzehn Jahre, die ich in Bergen lebte, sind längst vorbei. Ich führte ein Tagebuch, das habe ich verbrannt. Ich knipste ein paar Bilder, von denen besitze ich noch zwölf. Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande. Aber in welch einer Stimmung ich war, als ich dort ankam!14 Jahre verbrachte Knausgård in Bergen, bevor er aus der norwegischen Küstenstadt regelrecht nach Stockholm floh, als ginge es ins Exil. Es waren Jahre, in denen er so unermüdlich wie erfolglos versuchte, Schriftsteller zu werden, in denen schließlich seine erste Ehe scheiterte, in denen sich Momente kurzer Glückgefühle mit jenen tiefster Selbstverachtung die Hand gaben, in denen sich Demütigungen und Höhenräusche ebenso schnell abwechselten wie selbstzerstörerische Alkoholexzesse und erste künstlerische Erfolge. Dabei hatte es am Anfang so gut ausgesehen, dieses Leben in Bergen. Dem jungen Knausgård schien die Welt offenzustehen, all seine Träume schienen sich zu erfüllen. Er hatte einen Studienplatz an der Akademie für Schreibkunst bekommen, endlich eine Freundin gefunden ...„Träumen“ und schreibend die Welt (zurück)erobern Das, was Karl Ove Knausgård mit seinem sechsbändigen autobiografischen Romanzyklus bei Lesern ausgelöst hat, dürfte einzigartig sein. Er schreibt „nur“ über sein Leben, das aber so schonungslos und genau, dass viele – gerade auch Männer – den Eindruck haben, da schreibe jemand über sie selbst, ihr Leben, ihre Probleme. Gefühlt sprachen und sprechen alle über Knausgård und jeder neue Band wird hierzulande sehnsüchtig erwartet. Der deutsche Verlag hat den Originaltitel „Min Kamp“, also „Mein Kampf“, aus naheliegenden Gründen umbenannt. Nach „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ erscheint nun die deutschsprachige Übersetzung von Band fünf: „Träumen“ (Der Abschluss der Reihe, Band 6 des rund 3.500 Seiten starken Projektes, kommt laut Verlag im Frühjahr 2017 auf den Markt). „Kinder großziehen, ein Elternteil verlieren, Beziehungsprobleme. Das ist doch unser Kampf“ Die Kritiker sprechen von einer „literarischen Sensation“ und einem Hype, den bisher sonst nur die „Harry Potter“-Bände ausgelöst haben. Mit Hokuspokus und fantastischen Welten hat Knausgård allerdings gar nichts am Hut. Er bleibt so dicht an der Wirklichkeit, so dicht an all seinen Unzulänglichkeiten, dass es schmerzt. Genau deshalb hat Knausgård auch den Titel „Mein Kampf“ gewählt, mit der Betonung auf MEIN Kampf. In einem 3sat-Interview sagt er dazu: „Ich wollte den Titel zurückhaben und zeigen, was der wirkliche Kampf ist: Kinder großziehen, ein Elternteil verlieren, Beziehungsprobleme. Das ist doch unser Kampf.“ Knausgård will sich schreibend die Welt (zurück)erobern und versucht, ein ganzes Leben abzubilden. So schreibt er alles auf, was sein Leben ausmacht und löst so die Grenzen zwischen dem Schreiben und dem Leben. „Träumen“ beginnt mit dem 19-jährigen Knausgård, der in die norwegische Stadt Bergen zieht. Er erlebt große Lieben und heiratet auch, trennt sich wieder und stürzt sich in Affären, trinkt viel zu viel und rastet oft genug dabei aus und schafft – nach einer schwierigen Zeit an der Schreibakademie – seinen Durchbruch als Autor mit seinem Debüt Ute av verden. Dafür bekommt er 1998 den norwegischen Kritikerpreis und wird als literarische Entdeckung gefeiert. Nach qualvollen Jahren des Zweifelns und Scheiterns … Knausgård und der Rausch des Schreibens, der Rausch des Lesens … Faszinierend an „Träumen“ ist, wie bei den Bänden zuvor, dass dieser Rausch, den Knausgård beim Schreiben erlebt, dieses Manisch-Obsessive, sich auch beim Lesen einstellt. Jedes Buch ist auch ein Dokument darüber, wie sehr diesen jungen, unglaublich traurigen und unsicheren Mann die Angst vor dem Vater geprägt hat. Man weiß aus den Büchern davor, dass dieser Vater Alkoholiker war und gewalttätig – in Worten wie in Taten. Und Karl Ove will diesen Vater aus seinem Inneren bekommen. Diesen Vater, den er immer sehr genau beobachten musste, um jede Nuance seiner Stimmungen aufzunehmen … jede Sekunde konnte seine Stimmung schließlich kippen und er wurde böse. Tiefste Unsicherheit – das hat Knausgård geprägt. Und das steckt dem 19-Jährigen, der in Bergen in „Träumen“ an der Schreibakademie angenommen wurde, in den Knochen. Er beschreibt diese Unsicherheit, Verlorenheit, dieses Gefallen-Wollen um fast jeden Preis sezierend genau. Die Verzweiflung, der Selbsthass, das Gefühl, ein Nichts zu sein – das begleitet Karl Ove in einem oft auch beängstigenden Maße. Er ist hochsensibel und kann mit Kritik verdammt schlecht umgehen. Er verstummt im Kreis mehrerer Menschen, wird scheu und ungelenk. Jedes Wort von sich legt er auf die Goldwaage und beobachtet genau, was sein großer Bruder Yngve – er lebt auch in Bergen – gut findet, worüber er mit seinen Freunden spricht, welche Musik er hört oder welche Plakate er an die Wand in seiner Wohnung hängt. „Das Herz irrt sich nie. Niemals irrt sich das Herz.“ Doch es gibt etwas, was aus dem scheuen und stummen Karl Ove jemanden macht, der drauflos plaudert, ohne sich selbst zu sezieren: der Alkohol. Dass in der Studentenstadt Bergen sowieso gut getrunken wird, ist klar. Bei Knausgård holt dieses Besaufen ab einem bestimmten Punkt etwas aus ihm heraus – oder lässt es frei –, das selbst seinem Bruder und den Freunden unheimlich wird. Karl Ove tickt aus, ist nicht mehr zu kontrollieren, wird auch körperlich gewalttätig und greift einmal sogar seinen Bruder Yngve an, schmeißt ihm ein Glas an den Kopf. Was da aus ihm herausbricht, macht Angst – auch ihm. Aber er beschreibt es dennoch in all der Peinlichkeit. Genauso wie die Demütigung, dass die Frau, in die er sich verliebt hat, Ingvild, sich nicht für ihn, sondern für seinen Bruder entscheidet. Zuvor schreibt er noch, an Ingvild denkend: „Man sieht es, man verliebt sich, und das ist wenig, gut möglich, dass man sagen kann, es ist wenig, aber es ist immer richtig. Das Herz irrt sich nie. Das Herz irrt sich nie. Niemals irrt sich das Herz.“ Ja, er wird sich wieder verlieben. Und er wird, mit viel zu viel Alkohol im Blut, fremdgehen und sich danach deswegen zerfleischen. Er wird seine erste Frau Tonje kennenlernen und heiraten. Zuvor Ängste ausstehen, ob sie auch wirklich ihn will und nicht wieder seinen Bruder. Das sitzt tief bei ihm, und als sich Tonje und Yngve an einem Abend in der Kneipe für Karl Oves Gefühl viel zu gut verstehen, zerschneidet er sich auf der Toilette der Kneipe das Gesicht: „Doch es hörte nicht auf, es ging einfach so weiter, sie unterhielten sich, als gäbe es mich gar nicht, ich trank und wurde immer verzweifelter. Schließlich dachte ich, dass mir diese ganze Hölle scheißegal war. Zum Teufel mit dieser verdammten Scheiße. Ich sah ein zerbrochenes Bierglas auf dem Fußboden. Ich bückte mich, nahm eine Scherbe in die Hand, betrachtete mich im Spiegel. Ich zog die Scherbe über meine Wange. Ein roter Streifen wurde sichtbar, etwas Blut sickerte über den Rand. Ich wischte es fort, mehr kam nicht. Ich zog die Scherbe über die andere Wange, diesmal jedoch so fest ich konnte […]“ Schreiben ist fast wie träumen … Gegen Ende des 800-Seiten-Buches geht diese Beziehung auseinander. Knausgård kämpft um seinen Platz im Leben, in der Liebe und natürlich auch im Schreiben. Die Schreibakademie jedenfalls tut Karl Ove nicht gut. Er will schließlich immer der Beste sein und spürt doch, dass er nicht an sein Innerstes herankommt, an seinen Kern. Alles, so wütet er, bleibe bei ihm an der Oberfläche und demnach sei das, was er schreibe, schlecht. Ob die Texte wirklich so schlecht waren, wie er behauptet, sei dahingestellt. Denn sein Zweifeln an sich selbst steht ihm immer im Weg. Auch heute noch sagt er von sich, dass er nicht glücklich ist. „Glück ist nichts für mich. Das ist ein Urkonflikt in mir, ich habe wenig Selbstvertrauen und ich denke, nichts was ich habe ist wertvoll.“ Glücklich ist er fast nur, wenn er beim Schreiben an diesen Punkt kommt, wo er sich selbst auflöst, sich vergisst, so erzählt er. „Es ist fast wie träumen.“

Anbieter: buecher
Stand: 03.06.2020
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